Bahnvorstand Lutz soll Verkehrsminister Scheuer bei einem Treffen erklären, was er möglichst schnell verbessern will. Experten sind skeptisch, dass das klappt. Verantwortlich sei auch die Politik.

Von Markus Langenstraß, ARD-Hauptstadtstudio

So viel Druck auf die Bahn gab es selten. Allein die Uhrzeit könnte man als Signal lesen: Bahnchef Lutz wurde für sieben Uhr morgens ins Verkehrsministerium einbestellt. Dort formulierte man schon vorab sehr klare Erwartungen. Bei der Qualität müsse sich etwas tun, beim betrieblichen Ablauf, beim Service, sagte Ingo Starter, Sprecher des Verkehrsministeriums: “Züge müssen fahren, das ist ja mal ganz klar.”

CSU-Verkehrsminister Andreas Scheuer fordert spürbare Verbesserungen für die Kunden und zwar schon im ersten Halbjahr 2019.

Im Dezember wurde der Ärger über die Bahn immer lauter. Sie hatte ihr Pünktlichkeitsziel 2018 bei Weitem nicht erreicht. Jeder vierte Fernzug war verspätet. Statt der angepeilten 82 Prozent waren nur knapp 74,9 Prozent der Fernzüge pünktlich. Bei der Bahn heißt das, sie waren nicht mehr als sechs Minuten verspätet. Zugausfälle fanden keinen Eingang in die Statistik.

Probleme sind nicht plötzlich entstanden

Die Verspätungen sind das Symptom einer langen Reihe von Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre, sagen Bahn-Experten wie Martin Burkert von der SPD. Er ist Mitglied des Verkehrsausschusses und der Eisenbahngewerkschaft EVG. Aus seiner Sicht hat die Bahn viele Jahre nicht nach Bedarf geplant, sondern nach angepeiltem Gewinn. Ergebnis ist ein ganzes Bündel an Problemen, mit dem die Bahn zu kämpfen hat: Es fehlt an Zügen, an Personal und an Geld.

Laut Burkert vernachlässigte die Bahn in den vergangenen Jahren die Ausbildung. Jetzt fehle Personal, das dafür sorgt, dass die Züge fahren, und Personal, das sie reparieren kann. Die 24.000 Mitarbeiter, die vergangenes Jahr eingestellt wurden, reichten nicht aus, um den Mangel auszugleichen. Jedes Jahr sei diese Zahl nötig. Und die neuen Mitarbeiter müssten auch erst einmal gefunden werden.

Auch die marode Infrastruktur sei ein Problem: “Wir fahren auf Gleisen, die über 175 Jahre alt sind, die Brücken sind unser Hauptproblem”, sagt Burkert. Anton Hofreiter, der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, kritisiert, dass zu wenig Geld für die Wartung von Zügen, Gleisen und Wagenmaterial investiert worden sei.


Wie die Bahn aus der Krise kommen will

In Sachen Verspätung hatte Lutz das Ziel gesenkt: Statt 82 Prozent wie im vergangenen Jahr strebt die Bahn 2019 im Jahresdurchschnitt 76,5 Prozent pünktliche Züge an. Außerdem will der Bahnchef laut Nachrichtenagentur dpa mehr Spartenchefs zu Vorständen machen, um den Informationsfluss zu verbessern.

Zudem könnte dem Verkehrsminister vorgeschlagen werden, dass die Auslandstochter DB Arriva verkauft wird. Bei Arriva, mit Sitz in Großbritannien ist die Regionalverkehrsauslandssparte der Bahn angesiedelt. Sie bündelt 14 europäische Staaten. Ihr Verkauf könnte bis zu vier Milliarden Euro einbringen.

Die Bahn hatte angekündigt, für mehr Züge, Personal und den Umbau selbst fünf Milliarden Euro innerhalb der nächsten fünf Jahre aufbringen zu wollen. 

Zustimmung von den Grünen – Ablehnung von der SPD

Hofreiter hält den Schritt für richtig. Die Bahn solle sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren und das Auslandgeschäft abstoßen. Es sei “Relikt” aus Zeiten des Bahnchefs Hartmut Mehdorn, der die Bahn für einen Börsengang fitmachen sollte. Nötig sei die Zusammenlegung von Bereichen, um “die zersplitterten Zuständigkeiten” in den Griff zu kriegen.

Burkert von der SPD spricht sich gegen einen Verkauf aus: Arriva erwirtschafte Gewinne. Zudem sitze die Firma in Großbritannien. Es  sei unklar, welche Konsequenzen der Brexit für den Verkauf hätte.

Die Verantwortung des Verkehrsministeriums

Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn fordert statt eines Verkaufs mehr Geld vom Bund für die Bahn. Kritik des Verkehrsministeriums am Bahnmanagement hält er für nicht angebracht: Es fehle an Infrastruktur und zuverlässigen Fahrzeugen – “und verantwortlich dafür ist sicher nicht die Bahn, sondern das Verkehrsministerium”. Die Bahn gehöre zu 100 Prozent dem Bund, sagt auch Anton Hofreiter. Verantwortlich für das Desaster sei Scheuer.

Dem soll Bahnchef Lutz jetzt innerhalb weniger Stunden eine Lösung für eine große Bahnkrise präsentieren.



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